Vor wenigen Tagen am 18.04.2026 berichtete der Schweizer Tagesanzeiger kurz nach der historischen Abwahl der Fidesz-Partei in Ungarn (12.04.2026) in einem Artikel darüber, dass eine Historikerin namens Prof. Dr. Mária Schmidt (geb. 1953) nicht nur Orbán-Vertraute, sondern auch sehr erfolgreiche Geschäftsfrau ist, und dass Spuren ihres diesbezüglichen Profitierens in die Schweiz führen. Der Tagesanzeiger fasste dabei zusammen:
„Mária Schmidt gilt als Haushistorikerin von Viktor Orbán in Ungarn.
Schmidt kontrolliert einen Immobilienkonzern, der massiv von Staatsaufträgen profitiert haben soll.
Eine Zürcher Firma spielte eine wichtige Rolle bei der Übernahme von Unternehmensanteilen.
Der Wahlsieger Péter Magyar will Schmidts Geschäfte genauer unter die Lupe nehmen.“
https://www.tagesanzeiger.ch/maria-schmidt-verbindungen-von-orbans-vertrauter-nach-zuerich-205279898196
Beispiel für eine Stiftung, die von Zuwendungen aus dem ungarischen Staatshaushalt profitiert haben soll, ist die von Mária Schmidt geleitete Stiftung für die Erforschung der Geschichte und Gesellschaft Mittel- und Osteuropas, Foundation for Research on Central and Eastern European History And Society (ungarisch: kurz KKETTK Alapítvány).
https://24.hu/belfold/2026/04/17/fidesz-alapitvany-vagyon-mcc-schmidt-maria-kesma/
Anlässlich dieser Meldungen stolperte man nun mit Frau Schmidt über eine noch relativ unterbelichtete und in bisherigen Berichten kaum ausführlicher besprochene Personalie.
Beschäftigt man sich einmal näher mit ihr und ihren Aktivitäts- und Einflusszonen, ergibt sich in kurzer Zeit ein weit verzweigtes Bild. Interessant ist das, weil es sinnbildlich dafür steht, wie das „System Orbán“ funktioniert hatte und wo überall „nützliche Beziehungen“ geschaffen worden waren.
Mit Sicherheit halfen die Beziehungen und Funktionen dieser Historikerin frühzeitig und ungut unter dem öffentlichen Radar dabei, manipulativ Verharmlosungsmechanismen zu erzeugen, wenn es international um eine Bewertung von Orbáns Politik ging.
Überdies hätte ihr all das ermöglicht, Viktor Orbán wertvolles Wissen über international für Demokratie engagierte Akteur*innen und Strukturen in Gremien und Organisationen weiterzugeben, mit denen sie zu tun hatte.
In der Welt der Wissenschaft scheint die Historikerin dabei in der Rückschau geradezu wie ein Maulwurf bzw. eine Lobbyistin im Dienste der „illiberalen Demokratie“ agiert zu haben.
Wer solches beispielhaft in den Blick nimmt, für den bestätigt sich einmal mehr, dass es noch sehr viel Aufarbeitungsarbeit braucht zur jüngeren Geschichte der letzten sechzehn Jahre und den wirkenden Mechanismen sowie den verwickelten Akteur*innen.
Die Abwahl von Viktor Orbán darf nicht zur Illusion führen, dass damit „das System Orbán“ bereits überwunden ist. Im Gegenteil, die dafür nötige Aufarbeitung kann nun erst beginnen – und sie muss auch auf internationaler Ebene stattfinden, wie das Beispiel von Fr. Prof. Dr. Schmidt zeigt.
Als Orbán auf europäischer Bühne dreist seine antidemokratischen Exempel des Mediengesetzes (12/2010) und der sogenannten „Osterverfassung“ (04/2011) statuierte, ließen er, und alle, die ihn dies tun ließen oder ihn gar unterstützten, damit einen „Geist aus der Flasche“, der bis heute wütet.
Inzwischen hat man längst den Eindruck gewonnen, es mit mafiös agierenden Netzwerkknäueln international agierender Antidemokraten zu tun zu haben, von AfD und FPÖ u.ä. bis zu Putins Netzwerken und Project 2025.
(vgl. auch Artikel vorher)
Auch wenn Magyars beeindruckender Wahlsieg diesen Gebilden zunächst einen “Schuss vor den Bug” zu versetzen schien und die Entschlossenheit der Ungar*innen neu Hoffnung schöpfen ließ, besteht die Problematik weiter.
Zu viele fragwürdige Vorgänge bleiben bisher außerdem weiter nicht benannt und konfrontiert – während Beteiligte vermutlich alles dafür tun, dass ihre Mitverantwortung möglichst schnell komplett unter einen dicken Teppich des Vergessens gekehrt wird.
Dies sollte ihnen zumindest nicht allzu leicht gemacht werden.
Die Historikerin nun, die bereits während seiner ersten Regierungsperiode von 1998-2002 Orbáns Chefberaterin war, agierte bis heute stets geschickt mit „Scharnierfunktion“ zwischen Positionen „illiberaler Demokratie“ und Flirts mit dem Rechtsextremismus; sie war und ist bekannt auf internationalem Wissenschaftsparkett, erhielt Funktionen in Gremien renommierter Initiativen, die sich eigentlich für Europa, gegen Diktaturen und für Demokratie einsetzen, aber agierte eben auch als Autorin für klar rechtsextreme Akteure wie z.B. Philip Stein von der Bewegung „1% für unser Land“ und dessen Portal jungeuropa. https://www.jungeuropa.de/autoren/maria-schmidt/
Besonders ironisch ist dabei, dass jemand wie sie an der Konzeption des Hauses der Europäischen Geschichte in Brüssel ab 2007 maßgeblich mitwirken durfte.
Immerhin war ihr schon ab 2002 mehrfach Geschichtsklitterung vorgeworfen worden, da sie in dem von ihr konzipierten und geleiteten Haus des Terrors in Budapest die Verbrechen der ungarischen Pfeilkreuzler weitgehend unter den Tisch fallen ließ – und insgesamt stets mehr den Terror durch den Kommunismus als Thema in den Vordergrund stellt.
https://oe1.orf.at/artikel/202972/Das-Haus-des-Terrors-in-Budapest
Wie oft wäre es auch hier kompliziert, verschiedene Verbindungen nur in einem Text darzustellen. Daher finden Lesende im Folgenden wieder eine Grafik zur Veranschaulichung der Einflusszonen von Frau Prof. Dr. Schmidt.
Schmidts Spur zum Haus der Europäischen Geschichte ist auch deshalb interessant, weil dies wiederum zu einer Person führt, die schon früher bereits als Unterstützer / Verharmloser in Bezug auf Viktor Orbáns politische Schritte ab 2010/ 2011 in Erscheinung trat: Dr. Hans Gert Pöttering.
Besonders die sogenannte und damals schon vielfach zu recht kritisierte „Osterverfassung“ beschönigte Pöttering deutlich:
„Von der Vorgängerregierung musste Viktor Orbán ein schweres Erbe annehmen. Das hat höchste Aufmerksamkeit erfordert. Bereits nach einem halben Jahr hat er zudem die Ratspräsidentschaft übernommen. Desto mehr Respekt und Anerkennung verdienen Viktor Orbán und seine Regierung für ihre Arbeit. Wir hatten, das will ich nicht über gehen, auch kontroverse Diskussionen über das Mediengesetz. Das Gesetz wurde inzwischen korrigiert. Entscheidend bleibt: Ungarn steht zu den europäischen Werten. Die ungarische Verfassung bestimmt: ‚Im Interesse der Entfaltung der Freiheit, des Wohles und der Sicherheit der europäischen Völker wirkt Ungarn an der Schaffung der europäischen Einheit mit. Ungarn kann im Interesse einer Beteiligung der Europäischen Union als Mitgliedstaat einzelne verfassungsmäßige Kompetenzen gemeinsam mit den anderen Mitgliedstaaten auf dem Weg über die Institutionen der Europäischen Union ausüben.‘ Anders als beispielsweise in Tschechien, in Großbritannien oder auch in Polen gilt in der ungarischen Verfassung die Grundrechtecharta als Bestandteil des Vertrags von Lissabon. Ich wünsche der ungarischen Verfassung, dass auf ihrem Fundament Ungarn die Entwicklung nimmt, die ihm als einem Kernland Europas zukommt.“
https://www.kas.de/documents/252038/253252/11-06-28_Hannover_Europa-Forum_Orban.pdf/4c669149-7c43-a777-c7c4-debc67c08e6e
Er gab am 13.02.2007 in seiner Antrittsrede als Präsident des Europäischen Parlaments den Anstoß für ein Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel, das dann letztlich ins Gebäude einer ehemaligen Zahnklinik einzog – und er begleitete auch das Aufsetzen der ersten Gremien dazu.
(er hatte z.B. auch M. Schmidt von der Idee erzählt, wie diese selbst berichtet, S. 83
https://op.europa.eu/de/publication-detail/-/publication/3dd89f59-34c1-11e9-8d04-01aa75ed71a1)
Bereits in diesem Artikel von 2018 erwähnte ich kritisch seine Rolle:
Mafiöse Strukturen beim Vorantreiben des internationalen Rechtspopulismus | Opus Omi
Ab 2009 war er Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und erscheint auf der Liste der Sprecher des Orbán-nahen Think Tank MCC (Mathias Corvinus Collegium).
https://mcc.hu/en/person/prof-dr-hans-gert-pottering
Auch Teilen der KAS war eine zu starke Nähe v.a. zum Orbán-nahen Think Tank MCC vorgeworfen worden. https://daniellaufer.de/rechte_kaderschmiede_ungarns_patriotische_elite
Dem MCC, das außer in Ungarn z.B. auch in Brüssel vertreten ist, ist natürlich auch wiederum Schmidt sehr verbunden und dort gern zu Gast.
https://mccfeszt.hu/en/performer/schmidt-maria
Le Monde schrieb 2021 zum Haus der Europäischen Geschichte:
„(…) sagt Francis Wurtz, ‚aber da die Historiker nach ideologischen Kriterien ausgewählt wurden sind, entsprach das Ergebnis den Erwartungen des Kuratoriums.‘
Die Ungarin Mária Schmidt, die als einzige Historikerin an allen Etappen vom Konzept bis zur Einweihung des Museums beteiligt war, gehört immer noch dem wissenschaftlichen Beirat an. Im Forbes-Ranking der reichsten Menschen Ungarns belegt sie Platz 42. Ihr gehörte die regierungsnahe Wochenzeitschrift Figyelő, als diese im Dezember 2018 auf der Titelseite den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden Ungarns, András Heisler, zeigte, umflattert von Geldscheinen. ‚Mária Schmidt‘, schrieb Le Monde im August 2018, ‚die manche Ungarn für noch ideologischer halten als Viktor Orbán, dessen Beraterin sie von 1998 und 2002 war, ist eine der zentralen Figuren der ‚illiberalen Demokratie‘.‘“
https://monde-diplomatique.de/artikel/!5775177
Ihre offenbar sehr spezielle „Vision von Europa und von Demokratie“ darf/ durfte Schmidt offenbar auch bei der Democracy and Culture Foundation einbringen, die wiederum mit der New York Times und dem Athens Democracy Forum verbunden ist. https://www.democracyculturefoundation.org/
Sie ist dort laut Homepageeintrag (abgerufen 22.04.) Teil des Leadership-Council.
https://www.democracyculturefoundation.org/who-we-are/leadership-council/maria-schmidt/
Auch dabei handelt es sich um eine Position, die ihr oberflächlich sicher zu einer anerkannten und gar demokratiefreundlichen Reputation verhelfen kann, und bei der man sich fragt, ob den Entscheidern bewusst ist, was sie sonst noch so tut und welche Kritikpunkte es schon längst gibt.
Bei einer Beispieldebatte auf dem Athens Democracy Forum wird übrigens deutlich, was auch oft beim MCC zu beobachten ist: Eine unter dem Anschein von Kontroversität einberaumte Podiumsdiskussion, bei der aber der Counterpart zu Schmidt (hier offen Vertreterin des Modells der „illiberalen Demokratie“) auffällig laviert und kaum wirklich gegenargumentiert. Das Podium schien also von vornherein so gestaltet zu sein, dass vorhersehbar war, dass eine Position sich besser behaupten kann als die andere bzw. weitgehend unangefochten stehen bleibt.
https://www.youtube.com/watch?v=gK7Yee4vfJc
Besagter damaliger Counterpart, der bulgarische Politologe Ivan Krastev, geriet unlängst 2026 selbst in Kritik, weil er dem rechtsradikalen Curtis Yarvin bei seiner Tagung „World in Peaces“ auf Schloss Elmau eine Bühne bot.
Natürlich auch nur um der Kontroversität willen, wie er vermutlich behauptet haben wird.
https://www.sueddeutsche.de/kultur/schloss-elmau-world-in-pieces-curtis-yarvin-krise-westen-demokratie-li.3394423?reduced=true
Um vorerst zum letzten Punkt zu kommen:
Bezüglich der Funktionen von Prof. Dr. Schmidt schmerzt auch jene besonders, die sie lange für eine wichtige Stiftung in Deutschland innehatte:
Sie war von ihrer Gründung 2002 bis 2013 Teil des Vorstands der wichtigen Stiftung Ettersberg in Weimar. Offen bleibt bisher die Frage, wie genau es dazu kam und ob es immer noch Verbindungen ihrerseits zu dieser Stiftung oder Einzelpersonen gibt.
Auf deren Homepage heißt es „Wir möchten Diktaturen in Europa besser verstehen und aus ihnen lernen. Unsere Erkenntnisse teilen wir mit allen, die wie wir wissen wollen, wie sehr die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt. Und mit jenen, die wie wir eine demokratische Zukunft mitgestalten wollen.“
Diesbezüglich wurde mit der Personalie Schmidt trauriger Weise also ein Stück weit „der Bock zum Gärtner“ gemacht – wie auch bei den anderen eigentlich für Demokratie engagierten Initiativen und Projekten. Während sie sich selbst wiederum wunderbar mit deren Namen schmücken und ihr eigenes Agieren verharmlosen konnte.
Wie groß der Schaden für diese Initiativen/ Projekte/ Beteiligte war/ ist, lässt sich schwer bemessen – aber möge man zukünftig gründlicher nachlesen, wen man sich „mit ins Boot holt“ – und mögen dabei Entscheider wirken, die nicht bereits selbst bei der Berufung von Mitwirkenden auf ideologische Verzerrungseffekte oder gar auf Geschichtsklitterung abzielen.

















