Wie hier auf dem Blog bereits vielfach beschrieben stellt sich seit sechzehn Jahren die dringende Frage, warum einige Akteur*innen und Organisationen Orbáns klar antidemokratische Schritte – die gab es spätestens ab dem Mediengesetz 12/ 2010 – verharmlosten.
Gerade jetzt, wo sogar die Rede davon ist, dass die aktuelle Bayrische Landtagspräsidentin, Ilse Aigner, zur nächsten Bundespräsidentin avancieren könnte, darf und muss diese Aufforderung zur Aufarbeitung umso lauter formuliert werden. Sie ist Teil des Vorstands der HSS und „eingefleischte“ CSU-Akteurin,
Kabbeleien mit Söder hin oder her.
Die genannten Verharmlosungen hat es definitiv gegeben.
Die damit verbundenen Fragen und der daraus entstandene Schaden ist nun nicht damit „erledigt“, dass Orbán & die Fidesz in Ungarn jetzt abgewählt wurden.
Im Gegenteil muss genau jetzt die Aufarbeitung beginnen, in Europa, in Deutschland – und auch in Bayern!
Zu Stoibers bester Verbindung mit Orbán schrieb ich unter anderem bereits hier:
https://opus-omi.eu/like-a-satellite-stoiber-orban-die-hss/
Die CSU-nahe international operierende Hanns-Seidel-Stiftung e.V. beschönigte Orbáns Angriff auf die Demokratie zum Beispiel in „Berichten aus dem Projektland Ungarn“, die ich 2011 entdeckte.
Ich beschrieb dies bereits u.a. in diesem Artikel 2018.
https://opus-omi.eu/mafiose-strukturen-beim-vorantreiben-des-internationalen-rechtspopulismus/
Bedenklich fand ich stets – und dies eigentlich sogar vielfach bis heute – wie WENIG allgemein über all das zu lesen war. Ich habe lange NIRGENDS sonst zum Beispiel eine Anmerkung zu dieser unguten Positionierung der HSS gesehen, die ich – wenn auch nur auf kleinen Kanälen – nachweisbar bereits ab 2011 problematisierte.
Nur ein Artikel stach heraus, der dann 2015 die Nähe zwischen diversen Bayrischen Playern und Orbán ganz kurz ins Visier nahmen; hier tauchte dann zusätzlich der illustre Name des Sängers, Produzenten und Musikers Leslie Mandoki (geb. 1953) auf – viele verbinden ihn mit dem Lied Dschingis Khan. Mandoki, der einst aus Ungarns kommunistischer Diktatur nach Deutschland floh, teilt in vielerlei Hinsicht die Positionen der in den letzten Blog-Artikeln beschriebenen Orbán-Vertrauten Prof. Dr. Schmidt. Sie arbeitete als Historikerin auch mit bei seinem Filmprojekt anlässlich des 60. Jahrestags des Ungarischen Volksaufstands von 1956 mit dem Titel „Sehnsucht nach Freiheit“.
2009 und 2013 produzierte er Wahlkampfsongs für die CDU zur Bundestagswahl.
In einem der beiden genannten Artikel von 2015 heißt es:
„‘Mandoki spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Übersetzung, gerade im übertragenen Sinn‘, sagt der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter. Mandoki sei gewissermaßen das ‚Scharnier‘ zwischen Orbán und der bayerischen Politik. Mit Stoiber duzt sich Mandoki.“
2013 hatte sich Mandoki um einen Sitz für die CSU im Landtag beworben.
„Als Höhepunkt einer Wahlkreistour brachte Aigner damals Journalisten, darunter auch der Autor, mit Mandoki zusammen. Als die Reporter Kritik an Orbán durchscheinen ließen, wurde Mandoki laut und streitbar. Er lobte Orbán, dass er Ungarn vom Kommunismus zu säubern versuche. Den Journalisten unterstellte er, nur nachzuschreiben, was sie bei anderen vorfänden.“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article146735062/Die-lange-Beziehung-der-CSU-zu-Orban-und-den-Ungarn.html
https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article146738003/Die-unheimliche-Naehe-zu-Viktor-Orban.html
*Der heutige Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. ist seit 2020 der EU-Parlamentarier Markus Ferber, CSU, geb. 1964. In den sechs Jahren vorher war er bereits Vize-Vorsitzender innerhalb der HSS, also ab 2014. Schilderungen zeichnen das Bild eines ehrgeizigen aufstrebenden Macht-Politikers:
“In der Abgeordnetenbar im Parlament sind kaum noch Plätze frei. Als Ferber den Raum betritt, ruft ein Grieche: ‘The Bavarian Imperialist’ und hebt die Hand zum Gruß. Solche Empfänge gefallen dem Machtmenschen aus Bayern.”
https://www.sueddeutsche.de/bayern/csu-mann-markus-ferber-ein-ehrgeiziger-im-exil-1.363902
Wie er die Berichte der HSS zu Orbán aus dem Jahr 2010/ 2011 sah und Stand heute sieht, ist bisher nicht bekannt.
2018 allerdings äußerte er sich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk noch selbst in ähnlich verharmlosenden Tönen, die auch in den Projektberichten der HSS 2010 und 2011 anklangen.
“Ferber: Ich weiß nicht. Unterstellen Sie, dass Ungarn keine Demokratie ist?
Heckmann: Die Frage, die stellt sich nicht nur mir und unseren Hörerinnen und Hörern,
sondern auch der gesamten Europäischen Union.
Ferber: Es hat bisher keiner infrage gestellt, dass in Ungarn demokratische Verhältnisse herrschen. Es hat keiner infrage gestellt, dass hier Ungarn die Grundvoraussetzungen eines demokratischen Rechtsstaats erfüllt. Darum bin ich überrascht über die Frage.”
https://www.deutschlandfunk.de/nach-den-wahlen-in-ungarn-ferber-csu-probleme-in-osteuropa-100.html
Besonders letztere Behauptung Ferbers war absolut falsch und faktenignorant. Bereits ab 2010 und 2011 (“Osterverfassung”) wurde von wachsamen Beobachtern definitiv infrage gestellt, ob Ungarn noch die Grundlagen für einen demokratischen Rechtsstaat erfüllt.
Verfassungs-Barbarei in Budapest
Und ab 2014 bewies Orbán auch selbst, indem er nämlich den Begriff der “illiberalen Demokratie” einführte, dass sein “System” mit einer Demokratie, wie wir sie kennen, nicht mehr viel zu tun hatte. Und dass man offenbar einen neuen manipulativen Begriff nötig hatte, um das Abrutschen in autokratische Verhältnisse zu beschönigen.
2024 geriet er in die Kritik, als Recherchen der Organisation Finanzwende e.V. einen massiven Finanzlobbyismus seinerseits kritisierten und auch vermutete Interessenskonflikte bemängelt wurden. https://www.finanzwende.de/themen/finanzlobbyismus/lobby-recherchen/der-bayerische-abgeordnete-markus-ferber Auch bereits 2017 waren Vorwürfe laut geworden, dass er gegen Standards verstoßen habe. https://www.lobbycontrol.de/pressemitteilung/interessenkonflikt-von-markus-ferber-csu-muss-konsequenzen-haben-114800/
Übrigens hielt auch das Skandal-Unternehmen Wirecard mindestens zweimal Versammlungen in den Konferenzräumen der Hanns-Seidel-Stiftung ab. Wie genau das zustandekam, wird angefragt werden. https://www.eqs-news.com/de/news/agm-announcements/wirecard-ag-bekanntmachung-der-einberufung-zur-hauptversammlung-am-20-06-2017-in-munchen-mit-dem-ziel-der-europaweiten-verbreitung-gemas-c2a7121-aktg/01e8f7e8-e82e-4c5a-ac87-5dc1159cb691_de
Ferber geriet außerdem in die Schlagzeilen damit, dass er sich gegen die Einführung einer Bargeldobergrenze von 10.000 Euro aussprach. Als Teil eines Anti-Geldwäsche-Pakets wurde diese aber inzwischen definitiv beschlossen und wird ab Juli 2027 in Deutschland in Kraft treten.
Die Außenstelle der HSS in Ungarn wiederum ließ auch 2018 noch erkennen, dass man auch damals offenbar immer noch keinen Grund sah, aus dem Verständnis füreinander oder aus Orbáns Zuneigung zur bayrischen Landesregierung einen Hehl zu machen:
“Viktor Orbán sprach in seiner ersten Rede in der Wahlnacht von einem historischen Wahlsieg, rief aber zur Bescheidenheit auf. Er bedankte sich bei seinen Unterstützern, so auch bei den Visegrád-Staaten. Besonders dankte er zwei europäischen Regierungen für deren Unterstützung auch in schwierigen Zeiten: der polnischen Regierung und der bayerischen Staatsregierung.”
https://www.hss.de/news/ungarn-ist-anders-news2744/ *
Der internationale Schaden für Demokratien dadurch, dass Orbán & Netzwerke von vielen ungut gestärkt und verteidigt wurden, ist massiv.
Diejenigen, die dafür Mitverantwortung tragen, müssen dies genauso aufarbeiten wie die Mechanismen, die dazu geführt haben.
Vor allem, wenn sie – wie z.B. auch die Hanns-Seidel-Stiftung – in offiziellen Verlautbarungen eigentlich vorgeben, für Demokratie einzustehen.
Gerade im Interesse der integren Teile solcher Stiftungen und auch von Parteien sollte es sein, Aufarbeitung zu fordern – und nicht feige darauf zu hoffen, dass „Gras über all das wächst“.
Wo Verschafspelzigungen stattfinden, kommt auch immer neu der Rasenmäher.
(Anmerkung: Der Abschnitt zwischen * und * wurde am 29.04.2026 ergänzt.)












