Der Dieb ist der Steuerhinterzieher – nicht der Whistleblower!

WhistleblowerVon dem Arsenal an Repressalien
und nachteiligen Dynamiken, mit dem Whistleblower häufig zu rechnen haben, war im Buch “Opus Omi und das Wolfsmanagement”
schon die Rede.
LuxLeaks zeigt einmal mehr, wie sehr ihr Schutz – in welcher Form auch immer – mehr denn je notwendig ist.

Man muss sie nicht zu “Helden” machen.
Aber zwischen “Zum Helden hochspielen” und “Zerstörung ihrer Existenz” gibt es
durchaus einige Abstufungen, die nur ignoriert, wer von vornherein ihren Ruf zerstören will.
Die meisten handeln letztlich vor allem aus moralischen Gründen; wer würde sonst
bewusst ein absehbar hohes Risiko eingehen?
Wer Whistleblower der aktuell vernichtenden Dynamik überlässt, verrät jedes demokratische Prinzip und zeigt lediglich eigene Feigheit.
Denn ohne sie besteht weder die Chance Korruption noch Steuerhinterziehung noch ungute Praktiken in Behörden, staatlichen oder sonstigen Institutionen aufzudecken.
Es ist demokratische Pflicht, sie zu schützen und nicht zuzulassen, dass man sie mal eben isoliert und ihre Existenz zerstört, wie es zu oft geschieht!

Dass mit Whistleblowing Datendiebstahl oder das Bekanntmachen interner Vorgänge
einhergeht, liegt in der Natur des Vorgangs und ist unvermeidbar.
Ausnahmen sind Betrugsfälle, die vor aller Augen ablaufen, bei denen es aber,
wie in “Des Kaisers neue Kleider” schließlich auch einer Stimme bedarf, die laut und
deutlich auf Ungereimtheiten aufmerksam macht und die Aufmerksamkeit aller auf
die Fragwürdigkeiten lenkt. Ein Beispiel dafür sind z.B. die vom Freitag am 02.05.2016 berichteten Praktiken (berichtet hatten auch Süddeutsche, tagesschau etc.) , die man unter dem Namen “Cum-Ex” zusammenfasst, und denen sogar die Regierung unglaublicher Weise offenbar jahrelang Deckung gab.
Obwohl es sich de facto ganz offensichtlich um einen massiven und gezielten
Diebstahl an der Allgemeinheit handelte.

Wenn im Falle der Verwendung geheimer oder interner Daten durch Whistleblower
bei der Bewertung ihres Handelns auch beachtet wird, in welcher Form
sie damit umgegangen sind, ist das verständlich.
Allerdings ist der Schaden, der durch die Aufdeckung verhindert wird, häufig größer,
als dieser “Diebstahl” selbst.
Daher müsste jedes Gericht das Prinzip der Verhältnismäßigkeit walten lassen,
wenn es über Whistleblower verhandelt.
Ob dafür mehr Gesetze nötig sind, ist fraglich.
In Amerika helfen angeblich schützende Gesetze nicht.
Vielleicht würden eine entsprechende Sensibilität und vor allem
wieder einmal eine noch stärkere Unabhängigkeit der Justiz schon reichen.
Sofern auch Letzteres nicht greift, gibt es ja vielleicht bald schon
Whistleblower aus den Reihen der Justiz selbst!
Zu bedenken ist aber auch, dass die Nachteile, die Whistleblower erleiden,
nicht immer durch Gerichtsprozesse sichtbar werden.
Die meisten Schädigungsprozesse gegen sie vollziehen sich leise und
besonders gerne dann, wenn niemand (mehr) hinschaut.

Traumberuf auf dem Prüfstand – Journalisten in der Festung

Am 16.04.2016 hatte der DJV-Landesverband Rheinland-Pfalz von 10-11 Uhr zum Roundtable Gespräch “Zwischen Lügenpresse und Medienkritik”  ins Straßenmuseum Germersheim eingeladen.
Moderiert von der Landesvorsitzenden Andrea Wohlfahrt diskutierten bei dieser öffentlichen Podiumsrunde Heike Rost aus Mainz, langjähriges DJV-Mitglied im Dt. Presserat; Frank Überall aus Berlin, seit 2015 Vorsitzender des DJV Bund;
Lars Hennemann aus Darmstadt, seit 2015 Chefredakteur der Echo Zeitungen;
Jan Holub aus Mainz, Leiter der Sekretariate Fernseh- und Verwaltungsrat ZDF und Hartmut Rodenwoldt, Leiter des Berliner Rheinpfalz-Büros.

Ein Grußwort sprach zu Anfang Landrat Fritz Brechtel, CDU, der den Landkreis als wirtschaftsstark präsentierte und die geplante Zweite Rheinbrücke als größtes Infrastrukturprojekt der Region hervorhob.
Überdies gab er einen historischen Abriss über den bayerischen Einfluss, denn Germersheim gilt als größte bayerische Festung außerhalb Bayerns, die dereinst im Auftrag von Ludwig I. erbaut, allerdings auch nie angegriffen wurde.

Dass die Veranstaltung im Zeughaus und damit in einem der sichersten Gebäude der Festungsanlage stattfand, könnte als Metapher fungieren für die Tatsache, dass zunehmende tätliche und verbale Attacken auf Journalisten und der Umgang damit dominierende Themen des Austauschs waren.

Besonders Bewegungen wie PEGIDA und ihre Nachfolger haben Begriffe wie „Lügenpresse“ und „Staatsfunk“ in den letzten Jahren verstärkt in Umlauf gebracht.
Rodenwoldt merkte in Bezug auf die eigene Zunft dazu selbstkritisch an, man habe aus seiner Sicht vor der Spaltung und Radikalisierung von PEGIDA & Co. den Fehler gemacht, von Medienseite her alle Anhänger zu schnell als „rechts“ zu etikettieren. Das habe die negative Haltung gegenüber der Presse und ihrer Vertreter unnötig verstärkt – also den Hetzern in die Hände gespielt und manches Vorurteil zementiert.
Von „Fehlern“ sprach auch Heike Rost, gleichzeitig stellte sie fest, dass viele der aggressiven Kritiker ihrer Erfahrung nach selten je einen Journalisten kennengelernt hätten und schon von daher viele falsche Bilder über diesen Beruf in Umlauf geraten können. Rost konstatierte eine „Professionalisierung der Hasstiraden“ und eine zunehmend „aggressive Tonalität“ diverser Kommentare – die im Gegensatz zur Vergangenheit heute häufiger ohne Scham unter Klarnamen verfasst werden.
Beim Dt. Presserat erreichten diverse Beschwerden 2015 eine Rekordhöhe.
Bezüglich journalistischer Professionalität stellte sie allerdings auch fest, jüngere Kollegen zunehmend darauf hinweisen zu müssen, Quellen gründlich zu recherchieren und zu verifizieren. Zu häufig würden Darstellungen, z.B. aus Blogs, für bare Münze genommen und zitiert, ohne das jeweilige Impressum unter dem Aspekt der Professionalität und Glaubwürdigkeit zu beachten und entsprechend abzuwägen.

Jan Holub bestätigte, dass allein schon die online-übliche Nebeneinanderschau von laienhaften Darstellungen und journalistischen Darstellungen, z.B. in der Timeline sozialer Netzwerke, eine gleichwertige Glaubwürdigkeit der Informationsquellen suggeriere, die so nicht existiert. Das führt zu einer gefährlich relativierten  Wahrnehmung und Rezeption von verifizierten und nicht verifizierten Informationen,
deren Effekte auf Medienkompetenz und Meinungsbildung noch viel zu wenig untersucht sei.
Zumal viele Gruppierungen gezielt daran arbeiten, zu suggerieren, journalistische Darstellungen seien eigentlich gar nicht mehr relevant, die eigentlichen Informationen seien nur von alternativen Quellen zu erfahren.
Beim ZDF gab es im letzten Jahr 340.000 Zuschauerkontakte.
Häufig ginge es Kritikern aber gar nicht um eine Stellungnahme zu einzelnen Beiträgen, sondern man nutze die Kommentarmöglichkeit stattdessen unangemessen pauschal zur Kritik an der Regierung, wobei sich indirekt wiederum die Missinterpretation öffentlich-rechtlicher Sender als „Staatsfunk“ wiederspiegelt.

Von der Schwierigkeit, eine angemessene Auseinandersetzungsebene mit den eigenen Kritikern und bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu finden, berichtete auch Lars Hennemann.
Bei einer Veranstaltung unter Beteiligung von AfD-Mitgliedern hatte man die offene Diskussion gesucht, um den argumentativen Austausch zu fördern, da ein Wegducken keine Möglichkeit bietet, Vorurteile abzubauen und falsche Unterstellungen aus der Welt zu schaffen. Während der Veranstaltung waren dann auch kaum Disharmonien spürbar, bei der Ansprache am Ende äußerte man sich auf Rückfrage einigermaßen zufrieden. Dennoch erschien im Nachgang dann ein Bericht, in dem im Namen von AfD-Anhängern behauptet wurde, die eigene Sichtweise habe man überhaupt nicht einbringen können und man habe ihnen das Wort abgeschnitten.
“Es war nicht das erste Mal, dass ich nach so einem Bericht dann das Gefühl hatte, bei einer völlig anderen Veranstaltung gewesen zu sein.”, so Hennemann.
Dies führt er – sicher zu Recht – auf ein strategisches Agieren von Hintermännern zurück, die letztlich unabhängig von allen realen Abläufen bei ihren Anhängern gezielt einen falschen Eindruck erwecken und Journalisten und Medien in Misskredit bringen wollen.

DJV-Vorsitzender Überall teilte gemeinsam mit den anderen Diskussionsteilnehmern den
Eindruck, dass mehr als zuvor ein Tunnelblick zu erkennen sei, der vehement verhindert, dass Menschen sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen, um sich dann erneut eine eigene Meinung zu bilden.
Vielmehr kreisen viele Diskutanten – verstärkt durch die selbstreferentiellen Meinungsinseln innerhalb „sozialer“ Netzwerke – stets um die eigene Sichtweise und erkennen nur solche Darstellungen an, die diese dann wiederum bestätigen.
Das macht ein Hinterfragen und eine Korrektur falscher oder verzerrter Auffassungen
und Darstellungen schwer bis unmöglich.
Auf die Frage, wie damit umgegangen und gegengesteuert werden könne, wurden als Beispiel vermehrte Bildungsangebote von Medienschaffenden in Schulen genannt.
Je schneller Kinder und Jugendliche einen realen und praxisnahen Eindruck von Medienarbeit und entsprechenden Abläufen erlangen, desto weniger werden sie anfällig sein für falsche Behauptungen und Unterstellungen gegenüber der Medienwelt und ihrer Akteure. Ergänzt sei hier, dass ein ähnlicher Bildungsbedarf sicher auch in Bezug auf Erwachsene besteht. Bildungsinstitutionen der Erwachsenenbildung oder zivilgesellschaftliche Initiativen könnten eine Vermittler- und Überbrückungsfunktion wahrnehmen beim Gespräch mit und über Medien, ihre heutige Rolle und eine zeitgemäße Medienkompetenz. Hier besteht noch eine große Lücke, gerade in Bezug auf ansprechende Angebote für bildungsferne Medienrezipienten. Es geht dabei natürlich nicht um die Abschaffung jeder Medienkritik, sondern um eine notwendige Versachlichung und Differenzierung in diversen Auseinandersetzungen.
Der DJV macht diesbezüglich auch aufmerksam auf den Blog www.lügenpresse.de, in dem Journalisten sich gegen die entsprechende Titulierung wehren, dagegen argumentieren und versuchen aufzuklären.

Darüber hinaus gilt es, den strategischen Gegnern von Journalisten, die den Berufsstand als Teil des demokratischen Systems aus ideologischen und politischen Gründen schlicht diskreditieren wollen, das Handwerk zu legen.
Hier sind das Engagement und die Aufmerksamkeit von Innenpolitik und von Behörden wie Polizei und Verfassungsschutz unverzichtbar.
Überall berichtete, dass im Gegensatz zu früher die Bereitschaft zu rechter Gewalt als Folge verbaler Drohgebärden deutlich angewachsen sei.
Kollegen finden ihre eigene Todesanzeige in der Zeitung. Bei der Begleitung von Demonstrationen haben viele, die als Journalisten erkennbar sind, Angst, nach der Veranstaltung noch verfolgt und angegangen zu werden.
Entsprechende Vorfälle werden in dem Blog www.augenzeugen.info festgehalten.
Der SWR veranstaltete kürzlich erstmals einen internen Workshop für eigene Mitarbeiter zum Umgang mit Attacken gegen Journalisten, an dem ca. 20 Personen teilgenommen haben.
Zur Sensibilisierung für die Problematik sucht der DJV laut Überall verstärkt das Gespräch mit Vertretern der Polizei, des Bundes der Richter und Staatsanwälte und mit Innenpolitikern. Bei Letzteren sei häufig noch zu wenig Problembewusstsein und
Bereitschaft zur Unterstützung erkennbar. Kultur- und Medienpolitiker erweisen sich bisher naturgemäß als einsichtiger bezüglich eines Handlungsbedarfs.
Ein Fall für den Verfassungsschutz ist nach Überalls Einschätzung beispielsweise ganz konkret der Verein der selbsternannten „Ständigen Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e.V.“, der seit einiger Zeit ARD und ZDF mit offiziellen Programmbeschwerden überhäuft, um angebliche Fehler in der Berichterstattung anzukreiden. Oft bezieht sich die Kritik auf Berichte zur Ukraine-Krise.
Das wiederum passt zu den Meldungen, nach denen viele AfD-Wähler – und damit auch Wähler aus den Reihen der „Lügenpresse“-Rufer – einen russlanddeutschen Hintergrund hatten.
Der Verdacht eines gezielten und konzertierten Angriffs auf Medien und Demokratie aus diesen Reihen ist von daher durchaus naheliegend und wäre tatsächlich zu untersuchen, um bewusst manipulierende Kooperationen und Desinformation zu zerschlagen.

Neben dem „Festungs-Szenario“ war übrigens auch in diesem Kontext der Tagungsort Germersheim eine interessante Wahl für die DJV-Veranstaltung, denn auch hier erreichte die AfD ähnlich wie in Teilen Ludwigshafens den Höchstprozentsatz von 25%, und auch hier gibt es in der Bevölkerung einen hohen Anteil von Russlanddeutschen.

Vor vorschnellen Rückschlüssen oder einer Pauschalverdächtigung gegenüber
einer Bevölkerungsgruppe ist natürlich zu warnen. Sicher ist  nicht jeder Russlanddeutsche automatisch ein AfD-Wähler und Pressegegner.
Dennoch deuten sich eben Zusammenhänge an.

Die während der Tagung heiter ironisch geäußerte Einschätzung, man befinde sich in Germersheim noch in einer geschützten ländlichen Region der „Seligen“, darf so oder so deutlich infrage gestellt werden. Dass sich zu der öffentlichen Diskussion keine lokalen Vertreter der „Lügenpresse“-Rufer verirrt hatten, war u.a. wohl v.a. der Tatsache zu verdanken, dass die Veranstaltung nur sehr klein am Tag zuvor in der „Rheinpfalz“ erwähnt wurde und insgesamt kaum öffentliches Publikum zu Gast war.
Bevor man um 11.15 Uhr zur internen DJV-Tagung überging, verließ lediglich eine Handvoll Zuhörer den Raum.

Für eine Runde, bei der es vorwiegend um den Austausch unter Kollegen und eine Strategieentwicklung ging, ist das legitim.

Sollten solche Veranstaltungen zukünftig mehr darauf abzielen, mit Bürgern ins Gespräch zu kommen oder potentielle „Gegner“ zum argumentativen Austausch zu locken, um falsche Unterstellungen gegen Medien und ihre professionellen Akteure vor Ort aktiv zu widerlegen, wäre eine andere Art der Ankündigung und Ausschreibung wünschenswert.

Vielleicht ist es aber ohnehin besser, wenn sich zur Organisation entsprechender Diskussionen vermehrt brückenbauenden Instanzen aufgerufen fühlen und nicht Journalisten selbst, die ohnehin mehr als denn je beruflich herausgefordert sind, die ihre Rolle im digitalen Wandel neu definieren müssen und die gleichzeitig – als Teil des demokratischen Systems – so massiv auf dem gesellschaftlichen Prüfstand stehen.

17.04.16

Wenn der Wolf sich zum Sicherheitsberater macht – NRA schreibt Märchen um

 
Direkt vor den Osterfeiertagen 2016 häuften sich die Meldungen über den
neuesten PR-Coup amerikanischer Waffenlobbyisten, vereint in der NRA:
Sie ließen Märchen wie “Hänsel und Gretel” und “Rotkäppchen” von einer
willigen “Autorin” umschreiben, um bereits Kindern zu suggerieren,
dass sie sich nur mit einer Waffe vor Unheil schützen können und ihnen mit der entsprechenden Ausrüstung kein Wolf und keine Hexe etwas anhaben kann.
Großmutter, Rotkäppchen und das Geschwisterpaar werden in den
unsäglichen Umdichtungen daher schlicht und ergreifend mit Gewehren
ausgestattet.
Alles für das Kindeswohl, versteht sich, so die NRA.
Laut ihrer Darstellung seien die manipulierten Märchen dadurch sogar weitaus weniger brutal als die Originalversionen.
Das passiert, wenn man den Bock zum Gärtner macht und den Wolf zum Sicherheitsberater. Wolfsmanagement geht anders.
Hoffentlich können sich “Die drei kleinen Schweinchen” noch rechtzeitig dem dreisten
Zugriff der amerikanischen Waffenwölfe entziehen.
Auch diese Geschichte will die NRA für die eigenen Zwecke missbrauchen und
im Mai eine eigene Version veröffentlichen.
Möge Miss Piggy das mit ihrer Handtasche verhindern.
Gut informierte Kreise berichten überdies, dass ein berühmter Popklassiker
in “Girls just wanna have guns!” umgetextet werden soll.
Da möchte man laut ausrufen: “Annie, get your fun!”

 

 

 

 

Die Mechanismen in zweiter Instanz und ihre übersehene Relevanz

Bei vielem, was bezüglich antidemokratischer Manipulationen zu beobachten ist, spielen solche “Mechanismen in zweiter Instanz” eine sehr große und bisher zu selten klar benannte Rolle (klar, ist auch ein sperriger Überbegriff, …) Betrachtet man Einzelfälle, scheint es sogar so zu sein, dass Täter regelrecht darauf abzielen und genau wissen,
dass manche eigentliche Schädigung gerade erst durch diese “Folgemechanismen” traurig vollendet wird.

 

 

 

 

 

ESC: “Kümmert” versus “Miss Unbekümmert”

Nach den Ereignissen der letzten Tage im Zuge des ESC-Vorentscheids könnte man oberflächlich betrachtet und zu flapsigen Wortspielen neigend sagen:
Nach fünf Jahren ist mit Andreas Kümmert jener Gegenentwurf zu “Miss Unbekümmert” von 2010 ins ESC-Rampenlicht getreten, wie er wohl irgendwann einfach auftauchen musste.

Andreas Kümmert wollte – vordergründig aus freien Stücken, auch dazu gibt es aber noch etwas zu fragen – zunächst einmal  lieber gar nicht.
2010 dagegen  wollten Raab und Meyer-Landrut gleich noch einmal.
Beide Fälle haben dennoch eine Gemeinsamkeit:
Das Publikum ist als quotentaugliches Abstimmungsvieh zwar leidenschaftlich missbraucht worden, hatte letztlich und auf lange Sicht aber nichts zu melden.
Zum ESC fahren/ fuhren diejenigen, die auch für beteiligte Produktions- und Plattenfirmen, Universal und Brainpool wohl vorneweg,  am erträglichsten waren/ sind.
Das ist aber längst nicht alles, was entgegen der stoischen
Schreiberschen “Wir machen immer alles richtig und sind nicht zu hinterfragen”-Vermeldungen 2010 bis 2015 zu kritisieren ist. (Thomas Schreiber ist der ESC-Koordinator für die ARD)

Raab und Meyer-Landrut teilten 2010 bei einer Pressekonferenz kurzerhand mit,
dass sie noch einmal (verdienen) wollen. Brainpool nickte grinsend im Hintergrund.
Thomas Schreiber, der Raab ins Boot geholt hatte und die Intendanten von NDR und
PRO 7 nickten auch,  Lenas Siegeszeichen prangte während der Pressekonferenz
auch noch rotzfrech  hinter dem edlen Haupt von Lutz Marmor. (Sie wird 2015 ihre nächste CD veröffentlichen und alle werden dann so tun, als erinnerten sie sich nicht an  vergangene Dreistigkeiten.)

Es war ein Nicken allerorten, dass es einem Angst und Bange werden konnte angesichts
dieses “Banküberfalls” zur Bereicherung weniger vor aller Augen.

(vgl. Anmerkungen auf youtube-Kanal “kosinako”)

Aber nicht nur das Faktum dieser “Frechheit siegt”-Attacke auf die GEZ-Richtlinien-gebundene ARD und auf den ESC-Wettbewerb innerhalb der Musikbranche konnte hier aufhorchen lassen.

Besonders und äußerst schmerzlich war die Ignoranz gegenüber zweifelhaften Gesten und Rhetorikauswüchsen, die Stefan Raab, Thomas Schreiber sowie Meyer-Landrut an den Tag legten.
Unkommentiert.
Unkommentiert offenbar, weil man in der Unterhaltungsbranche nichts Schlimmes vermutet, weil da jeder tun und lassen darf, was er will, weil man nichts Übles erwartet, weil da alles als Spaß durchgeht.

Allein durch die folgende Beschreibung kann der Leser verstehen, welcher Verdacht sich einem Beobachter allerdings aufdrängen konnte:
Meyer-Landrut riss auf der Hannoverschen Bühne am Tag ihrer Rückkehr einer Moderatorin das Mikro aus der Hand und ignorierte deren Frage zugunsten eines
“Ich liebe deutsche Land…”-Gegröles, das sie mit Teilen des Publikums anstimmte.
Als nächstes wurde wie nach einem Ritual gefragt, dass sie mit ihren Backgroundsängerinnen einstudiert habe.
Sie “ließ sich überreden”, es vorzuführen, dem Filmer des youtube-Films “Lenas Ritual”,
der angezeigt wurde, aber  irgendwann 2012/ 2013 überraschend gelöscht worden sein muss, verrutschte dabei die Kamera – wohl vor Lachen und vor Häme.
Meyer-Landrut stellt sich mit ihren Sängerinnen in einen Kreis, bewegt die angewinkelten Arme vor den Oberkörpern, begleitet von “U-a, u-a”-Lauten.
Nur so viel: Das kennt man aus Beiträgen über Treffen in der rechten Szene.

Auf der Bühne lachte man dazu.
Alles, was Fr. Meyer-Landrut tat oder ließ, galt damals als cool und als kopierenswert.
Und soo unbekümmert.
Pausenlos wurde sie in dieser Zeit (mehr als  heute Helene Fischer) kopiert und Jugendlichen als Vorbild hingestellt,  auch nach solchen Vorkommnissen.
Katja Ebstein war beispielsweise eine ihrer prominenten Fürsprecherinnen.
Später, im August, erzählte das Fräuleinwunder in einem SWR-Interview etwas über einen Wunsch-Rehpinscher, den sie “Ali” nennen würde. Lange vor Pegida, kurz vor Sarrazin.
Ihre Teilnahme 2011 benannten Raab und Schreiber als “Teil 2 der nationalen Aufgabe”.

Im Oktober 2010 gewann Raab den Dt. Fernsehpreis und hielt eine selbstgefällige bis
latent aggressive Rede, ganz Eurovisions-Berlusconi, Thomas Schreiber schwang im Hintergrund vergnügt das Bein.

Kritische Berichte darüber: Fehlanzeige.

Einzig Journalist Stefan Niggemeier beginnt 2011/ 2012 die Profiteure des ESC und die seltsame Rhetorik der EBU-Akteure zu beleuchten, auch ihr Schein-Engagement für Menschenrechtler in Azerbeidschan betreffend.
Fleißig machte man im Zuge der Veranstaltungsplanung Geschäfte mit dem Regime.
Und rühmte sich damit, durch die ESC-Austragung der Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen.Der ESC als Demokratie-Missionsveranstaltung, als “Laserschwert des Guten”.
Komisch nur, dass sich auch Weißrusslands Präsident als ESC-Fan geoutet hat.
Sicher nicht, weil er dessen demokratiebeschleunigende Zauberkraft fürchtet.

Es konnte einem schwindelig bis übel werden angesichts mancher EBU-Verlautbarungen dazu. Menschenrechtler Razul Jafarov sitzt heute übrigens wg. herbeigeredeter Vorwürfe im Gefängnis, genauso wie eine weitere Oppositionsjournalistin und viele andere.

Der EBU ist das Wurscht. Brainpool-Star Anke Engelke, die so großherzig und kameratauglich  “ein Auge auf das alles” zu haben versprach, ist das ebenfalls schnurz.

Neben alledem gilt, dass der ESC ohnehin längst ein Spielball politischer Scharmützel geworden ist und mit Musikförderung oder Vielfalt kaum  etwas zu tun hat (viele Songs kommen aus ein und derselben Songwriter-Fabrik.)

Angesichts der Euro-Krise haben einzelne Länder Sorge, ob sie das Event bei Gewinn überhaupt tragen könnten.

Wer sich endlich bequemt, das alles zur Kenntnis zu nehmen, kommt mindestens zu einem naheliegenden Schluss: Ja, genau: Schluss!
Diese Veranstaltung hat sich überlebt und gehört in dieser Form abgeschafft.

Wenn ESC, dann anders, reformiert, wirklich vielfältig und unabhängig.
Gerne auch ohne jedes gefakte und fehlmotivierte Voting.
Wechselnde Jurys wären auch okay.
Oder lieber gleich Rudolstadt-Festival statt ESC.
In dieser Form ist der ESC nichts mehr, was den gestiegenen GEZ-Gebühren oder
dem Musikfreund in Europa würdig wäre.

Er gehört abgeschafft. Wir würden es überleben. Wir haben es auch bei “Wetten dass” überlebt.  Jetzt wäre der richtige Moment dafür.

2015 tritt nun einer vom Vorentscheid zurück.
Hr. Schreibers O-Ton erreicht Frühaufsteher im Badezimmer:
“…wenn so etwas passiert in einem Land, in dem man normalerweise stark ist…”

Man ist dann plötzlich hellwach.
Und stellt im Cafe, in dem das Zitat noch einmal gespielt wird, fest, dass auch andere
die Stirn runzeln ob dieser Wortwahl. Warum nur?

Aber nein: Die ARD und v.a. Thomas Schreiber und die Produktionsfirmal Brainpool sind unanfechtbar und machen immer alles richtig. Und das stellt auch niemand in Frage.

Auch, dass spontan die Zweitplatzierte zum ESC fährt:
Dabei bleibt es nun, heißt es selbstsicher mit stolzem Durchgreife-Unterton.

Kümmert hatte überraschend schnell direkt an die Zweitplatzierte weitergegeben.

Er hätte auch zurücktreten können, ohne das (vordergründig eigenmächtig) zu bestimmen.

Und hätte Frau Schöneberger ein Gespür für das Publikum gehabt, hätte sie hier unterbrochen und die Entscheidung, wer nun fahren soll, vertagt,
da die Situation rechtlich tatsächlich nicht eindeutig war.

Aber Frau Schöneberger ist  als Unterhalterin auf eins getrimmt: Störungen überspielen.
Die Show geht weiter. Egal was passiert.
Hr. Kümmert hatte übrigens kurz zuvor noch eine seltsam zustandegekommene Anzeige erhalten, was die BILD-Zeitung im Vorfeld der Vorausscheidung lautstark aufgegriffen hatte.
Der Artikel stand bis Sa auf seinem FB-Account wie ein Statement.

Stand er auch deshalb unter Druck? Ist sogar ein Erpressungsarrangement denkbar?
Wäre es gar denkbar, dass es in dem ganzen Kontext abgesprochen war, dass  die lukrativere Ann-Sophie fährt und Kümmert abgibt? Und er dafür halt mal ein paar Prügel einsteckt?
Egal, Fragen unerwünscht. Zugeben wird er es nicht dürfen, selbst, wenn es so war.

Und die ESC-Organisatoren machen doch immer alles richtig.
Also bitte keine Fragen!
Sie verfolgen dabei ja nur zufällig immer auch die eigenen Interessen und die der Produktionsfirma Brainpool und die der Plattenfirmen.

Sind ja schließlich nur Unterhalter.
Die zufällig jede Menge Geld verdienen.
Aber doch nur Unterhalter.

Auf Hr. Kümmert darf die BILD jetzt  rumhacken, und von Autismus reden
und alles hervorzerren, was halt so geht unter der Gürtellinie. Das gehört so.
Ist doch selber schuld. Hat er doch quasi provoziert, oder?
Also wirklich, das Publikum so vor den Kopf zu stoßen.
Da muss auch ein Kai Pflaume zum Beispiel dringend der BILD-Zeitung das Wort reden.

Wenn Kümmert  aus freien Stücken gegangen ist und aus ehrlichen Motiven heraus,
war er ein stückweit Sand im Getriebe, wie es ihn noch viel mehr bräuchte,
um gewisse Mechanismen und Profiteure verfilzter Strukturen
ins Taumeln zu bringen.
Wenn andere Dinge für seinen Rücktritt mit ausschlaggebend waren,
wäre das zu untersuchen, denn dann wäre er vielleicht doch nur wieder Teil oder Opfer dieser Strukturen geworden.

Es gibt angesichts all dessen einen deutlichen Mangel, den man als Blogger und als Beobachter betrauert:
Warum berichtet nicht ein Journalist einmal umfassend über all das Hintergründige?
Keine Zeit für Recherchen? Kein Mumm?

Selbst unter Journalisten werden allein schon Fragesteller schnell als Verschwörungstheoretiker degradiert, selbst, wenn sie auf klar existente Misslagen
oder Unaufgeklärtes oder Doppeldeutiges aufmerksam machen.

Leider scheint im Eitelkeitsbusiness Journalismus  aber häufig eine ungeschriebene Regel zu gelten: Ein Thema, auf das ich nicht selbst gekommen bin, ist keins!
Eine Ungereimtheit, die mir nicht selber aufgefallen ist, ist keine!

Ist es wirklich so? Schade!

PS: In Letzterem bin ich allerdings auch zwiegespalten. Vielleicht ist es auch gut, wenn
es nur leise rauskommt, was wirklich lief. Damit die Manipulierer nicht auch noch
im Nachhinein ein Riesenpublikum für ihre Spielchen finden.
Was bei Verbreitung durch größere Medien kaum vermeidbar wäre.
Vielleicht ist es  gut so. Konsequenzen sollte es dennoch geben.

NSU-Prozess: Zitatinterpretation und das Spiel mit der Öffentlichkeit

Im Buch “Opus Omi…” war unter anderem auch von den Anfängen der NSU-Verwicklungen die Rede.

Ich gehöre zu denen, die immer wieder versuchen, den Prozess zu verfolgen.

Gerade in der letzten Zeit aber fühlt man sich als Beobachter einmal mehr wie ein Spielball in der Informationspolitik von Nebenklage und Bundesanwaltschaft.
Und wieder spielen hier Doppeldeutigkeiten und deren Deutung eine Rolle.
Die übergreifende Bedeutung von Doppelbotschaften für Fehldeutungen und Manipulation (ob mit oder ohne Absicht) und auch in Bezug auf juristische Bewertungen hatte ich im Buch ebenfalls skizziert (s. Kapitel zu Doppelbotschaften).
Schade nur, dass es wohl niemals ein Jurist für nötig befinden wird, sich damit ein wenig zu beschäftigen.

Aufhorchen ließ in jüngster Zeit – und das ist ja wohl mehr als verständlich -
ein Mitschnittzitat, das nahezulegen schien, dass der Verfassungsschützer in Hessen, der zur Tatzeit des Mordes an einem Internet-Cafe-Besitzer (oder kurz zuvor) Gast in eben diesem Cafe war, und sich nicht als Zeuge gemeldet hatte, vorher von einem möglichen  Anschlag gewusst haben könnte.
Ein Vorgesetzter hatte in einem Telefonat mit dem Mitarbeiter später u.a. den Satz geäußert:
“Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.”
Was man so deuten könnte, dass überdies der Verfassungsschutz mindestens in Gestalt des Vorgesetzten von einem Anschlagsplan Kenntnis hatte, der Anschlag aber nicht verhindert wurde.
Dass der Mitarbeiter damit womöglich dem Versagen seines eigenen Dienstes aufgelaufen sein könnte und man ihn vielleicht auch deshalb bisher kaum gerügt, sondern eher gedeckt und in Schutz genommen hatte.

Aber während des Prozesses in München bekam die Öffentlichkeit nun durch die scharfe Ablehnung dieser Interpretation durch die Bundesanwaltschaft  doch wieder zwei Versionen präsentiert. Und nicht nur das, die erste wurde von den Karlsruher Bundesanwälten regelrecht vom Tisch gefegt.

http://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-prozess-kampf-um-die-deutungshoheit-1.2370439

Demnach unterstellt die Karlsruher Bundesanwaltschaft der Nebenklage,
dass sie den Satz “Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.”
rein willkürlich und unpassend zulasten des Verfassungsschutzes im Sinne eines potentiellen Vorwissens ausgelegt habe.
“Vielmehr beziehe sich der Satz darauf, dass kein Verfassungsschutz-Mitarbeiter dem damals unter Verdacht stehenden Kollegen einen Besuch abgestattet habe.”
Meine spontane Einschätzung wäre: Das Wort “passiert” ist mit der Rede über Nicht-Besuche von Kollegen nicht in Einklang zu bringen. Auch, dass im Rest des Telefonats nicht von möglichem Vorwissen die Rede ist, ist kein Beleg dafür, dass dieser einzelne Satz nicht im Sinne eines Vorwissens gemeint gewesen sein könnte. Und vielleicht wurde er auch bewusst nicht ganz eindeutig formuliert und auch nicht mehr darüber gesagt, weil man durchaus ahnen konnte, evtl. abgehört zu werden.
Warum ist sich die Bundesanwaltschaft jetzt im Prozess aber so sicher im Abschmettern des aufgekommenen Verdachts?
Nur, weil es nicht sein darf, oder gibt es wirklich überzeugende andere Mitschnittdaten?
Wie bitte soll sich die Öffentlichkeit bei diesen beiden gravierend unterschiedlichen Interpretationen ohne Mitschnittkenntnis eine eigene Meinung bilden?
Sicher bin ich nicht die einzige, die dazu eine Möglichkeit haben möchte, denn der Verdacht, der durch diese Mitschnitt-Diskussion im Raum stand, ist wirklich ungeheuerlich und unerträglich. Und er würde jeden Bürger dieses Landes betreffen.
Und dann hätte die Bundesanwaltschaft die absolute Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen.
Muss man es hier wirklich akzeptieren, im Ungewissen zu dümpeln und von allen Seiten mit Halbwissen hingehalten  und für dumm verkauft zu werden?
Es gab in diesem Fall schon genug Gründe, darüber bestürzt zu sein, dass das alles jahrelang passieren konnte, ohne dass die Täter gestört wurden.
Man bräuchte noch nicht einmal so eine eindeutige Verwicklung des Verfassungsschutzes, wie sie nun im Raum stand, um zu ahnen, dass zu vieles schiefging.

Dennoch:  Diese Verwicklung steht jetzt im Raum, und der Öffentlichkeit ist man hier nun eine nachvollziehbare  Erklärung schuldig. Ein Vom-Tisch-Wischen durch die Bundesanwaltschaft mit einer nicht weiter begründeten anderen Interpretation des Satzes
reicht nicht aus.
Nur wenn der Satz – so wie die Bundesanwaltschaft behauptet – im Zusammenhang tatsächlich  e i n d e u t i g  anders interpretierbar wird, als dem Verfassungsschutz zunächst unterstellt, muss man sich über die Methoden der Nebenklage sehr wundern.
Das muss dann aber auch für jeden nachvollziehbar gemacht werden.
Die Nebenklage würde durch eine eindeutige Fehlinterpretation des Zitats ja vor allem sich selbst bzw. dem Interesse  der Opferfamilien schaden, die verzweifelt nach Hinweisen suchen, warum so vieles so lange unaufgeklärt blieb und bleibt.

Wenn das Abwiegeln der Bundesanwälte aber doch nicht eindeutig begründet ist,
wären sie verpflichtet, der Sache  nachzugehen, Beteiligte zu vernehmen und den Verfassungsschutz zu durchleuchten, gerade weil es sich -
bei einer Bestätigung des Verdachts – wirklich um eine “Staatsaffaire” handeln würde.

Ich, die ich diesem Prozess wie viele andere weiter zu folgen versuche, fühle mich veralbert und desinformiert, von beiden Seiten.

Quoten-Zoten (Song)

Es gibt ne Einschaltquote fürs Radio,
für Eisbärn und Giraffen im Medien-Zoo,
ne Leserquote für die “Bild der Frau”
und auch für Germanys next “Nabelschau”.

Es gibt ne Quote für alles, was geht,
auch für medialgetrimmte Fake-Authentizität.

Es gibt ne Quote für die Milch-Produktion,
vielleicht auch für EU-Gesetz-Inflation,
bei Herrschern gibt es Quoten für Kritik,
s gibt Quotenpopulisten für die “Volks”-Rhetorik.

Wann gibts ne Quote für Atom-Lobby-Lügen
und für Reaktorbalken, die sich dabei biegen?

Komm, macht ne Quote für den Haarausfall,
und bitte bald auch noch für Weltraumschrott im All,
wie stehts mit Quoten für den Mann im Mond?
Ob sich ne Quotenfrau da oben wohl lohnt?

Wo bleibt die Quote auch für Maulwurfshügel,
und in der Fastenzeit für Bio-Schokoriegel?

Im Dialog, das hab ich abgecheckt,
gibts auch ne Quote für den Dialekt,
und wer ne unbeliebte Botschaft ausspricht,
merkt, dass ihn schnell die Hiobsboten-Quote sticht.

Der Kriminelle braucht ein Alibi,
doch unsrem Zeitgeist reicht ein buntes
Quoten-Potpourri.